Auf dem Windrad hoch über Rabenau

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (links) und der technische Geschäftsführer der iTerra energy GmbH Ralf Ratanski (rechts) vor der Besteigung der Windenergieanlage in Rabenau. (Bild: Gießener Anzeiger)
Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (links) und der technische Geschäftsführer der iTerra energy GmbH Ralf Ratanski (rechts) vor der Besteigung der Windenergieanlage in Rabenau. (Bild: Gießener Anzeiger)
Blick über Rabenau. Im Vordergrund ein Blatt des Windrades.
Blick über Rabenau. Im Vordergrund ein Blatt des Windrades.

Es ist ein Ort, den nur wenige Menschen bisher betreten haben: Die Gondel des Windkraftwerks 6 auf dem Noll in der Rabenau. In 139 Metern Höhe wird hier Strom gewonnen.

 

Kaum ein Mensch war bisher hier oben – von den Wartungstechnikern und Monteuren abgesehen, die vor rund zwei Jahren die Anlage auf dem Noll bei Geilshausen errichtet hatten. Ralf Ratanski, Technischer Geschäftsführer des Betreibers iTerra energy, nahm am Montag Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich hinauf in die Gondel des Windrads in 139 Metern Höhe. Ullrichs Behörde ist für die Genehmigung der Anlagen zuständig. Da wollte sich der Chef gerne einen Eindruck vor Ort verschaffen, wie so ein Windkraftwerk im Inneren aussieht.

Enger Lift nach oben

Der Turm darf aus Sicherheitsgründen nur mit Helm betreten werden, nach oben geht es mit Kletterausrüstung. Die Leiter muss man dafür aber nicht nehmen: Es gibt einen kleinen Lift, gerade einmal so breit wie ein schmaler Schrank. Zwei Personen passen hinein – auf der rund sechsminütigen Fahrt nach oben kommt man sich näher. Während dies nichts für Leute mit Platzangst ist, sollte man oben keine Höhenangst haben. Denn durch den Gitterboden schaut man in einen gefühlt nicht enden wollenden Schacht hinab. Über eine Leiter geht es hinauf in die Gondel des Windrads. Aus Sicherheitsgründen steht es beim Besuch still. Dicke Stromkabel führen in der Mitte hinab in den Turm. Sie sind so flexibel, dass sich der Kopf mit dem Rotor mehrfach um die eigene Achse drehen kann – ganz ohne Kabelsalat.

Blick nach oben in den knapp 140 Meter hohen Turm der Anlage.
Blick nach oben in den knapp 140 Meter hohen Turm der Anlage.

Ullrich ist von dem gewaltigen Generator beeindruckt. Die sechs Anlagen auf dem Noll liefern im Schnitt 40 Millionen Kilowattstunden pro Jahr – damit lassen sich 11 000 Haushalte versorgen. In Zeiten, in denen jeder ein Smartphone laden will, Mikrowelle und Fernseher zu jeder Wohnung gehören, wird der Strom mehr denn je gebraucht. Der Regierungspräsident sieht auch die Bedeutung des Stroms für die deutsche Industrie: »Wir brauchen bezahlbare Produkte auf dem Weltmarkt.«

Deutschland vergibt Vorsprung

Die Technik, die im Windrad steckt, ist Made in Germany, erklärt Geschäftsführer Ratanski – bis jetzt. »Die Windkraftindustrie war mit den daran hängenden Arbeitsplätzen die drittgrößte Industrie in Deutschland«, sagt er. Denn neben den direkten Herstellern der Anlagen gibt es Zulieferer für Blattproduktion, Stromkabel oder Schaltschränke – die kommen etwa von Rittal aus Wetzlar. Doch derzeit würden Werke in der Türkei gebaut, in denen neue Windkraftanlagen hergestellt werden sollen. Der Innovationsvorsprung werde aus der Hand gegeben.

Über 400 Windräder in Mittelhessen

Nun öffnet Ratanski die Luke der Gondel. Von einer kleinen Treppe aus kann man einen Blick hinaus werfen. Rundherum sind Windkraftanlagen zu sehen: Auf dem Noll, die zwischen Staufenberg und dem Ebsdorfergrund gelegenen, derzeit im Bau befindlichen Anlage, im Norden die Räder bei Amöneburg, im Osten die Windparks bei Grünberg und Atzenhain. »Wir haben inzwischen über 400 Anlagen in Mittelhessen stehen«, sagt Ullrich. 80 wurden 2016 genehmigt, 60 weitere Windräder seien derzeit in Bau oder Planung. Wo überhaupt gebaut werden könnte, regelt der Teilregionalplan Energie.

Im Generator wird aus der Drehbewegung der Flügel Strom hergestellt.
Im Generator wird aus der Drehbewegung der Flügel Strom hergestellt.

Die Energiewende in Mittelhessen ist vielfältig: Photovoltaik, Biomasse, Windenergie. Ob die Windkraftanlagen die Zukunft oder nur eine Übergangstechnologie des von der Mehrzahl der Deutschen befürworteten Atomausstiegs sind, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. »Der technische Fortschritt wird uns noch vieles bringen und auch die Kosten senken«, prognostiziert der Regierungspräsident. Ratanski sieht beide Wege unbesorgt. Die Windräder seien so gebaut, dass sie sich einfach wieder abbauen und recyclen lassen würden – das kann man von einem Atomkraftwerk nicht behaupten. »Jedes Teil, was hier drin steckt, wird jeden Tag nur mehr wert«, sagt Ratanski mit Blick auf das Metall und die seltenen Erden.

Bürgermeister mag laufende Windräder

Am Fuße des Windrades unterhalten sich derweil zwei Bürgermeister: Frank Ide aus Grünberg, Kurt Hillgärtner aus der Rabenau. Hillgärtner berichtet, dass es mittlerweile kaum noch Kritik an den Windrädern auf dem Noll gebe. Er freut sich vor allem, wenn sich die Räder drehen, denn die Gemeinde erhält neben einem Mindestfestbetrag einen bestimmten Prozentsatz der Einspeisevergütung.

(Quelle: Gießener Allgemeine vom 28.06.2017)

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